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Ausgabe: Nr. 276 (7/2017) vom 5. - 25. April 2017
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Argentinischer Oscar-Preisträger dirigiert Abschlusskonzert des OST am 13. Juni in Santa Cruz

Grandioses Finale mit Luis Bakalovs „Misa Tango“

Luis Bacalov ist Argentinier, aber er lebt in Rom. Ist es da erstaunlich, dass seine Kompositionen meist Heimweh nach Buenos Aires atmen und den Rhythmus des Tangos annehmen? Aber der Tango ist ja nicht nur ein Tanz. In dieser Kolumne zum Saisonabschluss­konzert des OST Orquesta Sinfónica de Tenerife unter Leitung von Luis Bakalov am 13. Juni im Auditorio von Santa Cruz bekennen wir uns zwar als Nichttänzer, gleichwohl aber als Tangoliebhaber.



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04.06.2008 - Teneriffa - Tango verkörpert ja eine ganze Philosophie. Die bestimmende Erfahrung des Tangos ist Entwurzelung, Heimatlosigkeit. Was die Engländer so treffend homeless nennen, beschreibt nicht die Situation, keine Wohnung oder kein Vaterland zu besitzen. Vielmehr ist es das Gefühl, sich überall als Fremder zu fühlen. Unwiederbringlich vergangen ist die Zeit, da der Geburtsort auch die Heimat war. Das Heimweh, das nun das Herz zusammenzieht, ist ein Heimweh nach dem Ursprung, die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu den Wurzeln.
Beim Tango geht es um einen Spleen, in diesem Fall um einen argentinischen Spleen, den Spleen von Buenos Aires. Hellsichtig verwendet auch der Franzose Baudelaire dieses englische Wort in seinem Gedicht Spleen de Paris, um sein melancholisches Lebensgefühl zu kennzeichnen.  Der Protagonist des Tangos will vor allem sich selbst davon überzeugen, dass die Entwurzelung aus einem Schuldgefühl erwächst, für das er nichts kann, mit dem er aber geboren ist.
Sogar das typische Instrument des Tangos, das Bandoneon, kommt aus der Fremde, ist ein Emigrant: Das Instrument, das Ähnlichkeit mit einer Ziehharmonika hat (aber keine ist), wird von dem Deutschen Heinrich Band erfunden, nach dem es auch benannt ist. Es entsteht also in Deutschland und trägt die Entwurzelung des Europäers nach Amerika, wo sie von nun an zum amerikanischen Gefühl der Entwurzelung wird.
Der 1933 in Buenos Aires geborene Luis Enríquez Bacalov ist neben seinem Ruhm als Schöpfer klassischer Stücke für Chöre und Orchester auch weltberühmt als Filmkomponist.  Er begann seine Karriere in Italien, wo er wie auch Ennio Morricone bei RCA unter Vertrag war. Beide Komponis­ten verbindet eine langjährige Freundschaft. Es kam vor, dass Bacalov sogar Filmmusik schrieb, die unter dem Namen des Freundes veröffentlicht wurde („Töte, Amigo“ mit Klaus Kinski). Im Jahr 1996 erhielt Bacalov einen Oscar für seine Musik zu Michael Radfords Film „Der Postmann“, nachdem zuvor Morricone den Soundtrack zu schreiben ausgeschlagen hatte. Grundlage der Handlung ist auch hier die Erfahrung von Exil, von Entwurzelung. Nach diesem Welt­erfolg komponierte Luis Bacalov seine „Misa Tango“, die im Jahr 2000 in Rom mit Placido Domingo als Solist uraufgeführt wurde und auch auf Schallplatte bei der Deutschen Grammophon  erschienen ist.
Es ist eine wirkliche Besonderheit, diesen Ausnahmemusiker, der auch ein großartiger Pianist ist, als Dirigenten im Saisonabschlusskonzert des OST und in einem Vorkonzert mit gleichem Programm am 12. Juni im Magma Arte von Adeje erleben zu können. Neben seiner „Misa Tango“ mit den Solisten Lola Casariego, Mezzosopran, Paolo Coni, Bariton, Juanjo Mosalini, Bandoneon, sowie den Chören Coral Reyes Bartlet und dem Coro Polifónico de la Universidad de La Laguna, wird Luis Bacalov noch die Aufführung seines Konzerts für Violine und Orchester leiten, Solist Paolo Mo­rena.
Ergänzt wird das spektakuläre Programm mit vier Tänzen aus dem Ballett „Estancia“ des 1983 in Genf verstorbenen Argentiniers Alberto Ginastera. Diese Musik  schuf er 1941 im Auftrag von Georges Balanchine für das American Ballett. Das Werk begründete den Weltruhm des 1916 in Buenos Aires geborenen  Ginastera.
„Misa Tango“. In gewisser Weise lässt sich selbst in diesem anspruchsvollen, überaus gelungenen Werk ein Grundgefühl von Entwurzelung ausmachen. Das beginnt mit dem Titel, der in sich ziemlich widersprüchlich erscheint. Doch, warum sollte Bacalov  nicht eine Messe tanzen lassen? Der Ausschluss des Tanzes aus dem Gottesdienst ist eine bedauerliche christliche Tradition. Man kann zu Gottes Lob auch tanzen, wie es in fast allen Kulturen der Welt üblich ist. Selbst die Muslime tanzen: Die Derwische von Konya tanzen sich in Ekstase und treten so in Verbindung zu Allah. Auch in der Bibel wird zu Ehren Gottes getanzt. Als David die Bundeslade nach Jerusalem brachte, tanzte David „mit aller Macht vor dem Herrn her und war umgürtet mit einem leinenen Priesterschurz“. Und haben die Gospels etwa nicht Tanzcharakter?
Bacalov verwendet nicht den lateinischen Text. Er folgt vielmehr dem Zweiten Vatikanischen Konzil und benutzt eine lebende Sprache - als Argentinier naheliegender Weise das Spanische. Doch der Text des Ordinariums - Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei - wird nicht zur Gänze vorgetragen. Als Grund nennt Bacalov den Wunsch, „mehr Menschen die Teilnahme zu ermöglichen, die nicht in jeder Hinsicht denselben Glauben haben, und deshalb in der Messe die Züge Gottes hervorzuheben, die für Christen, Juden und Muslime Gültigkeit haben“ (Zitate aus dem Programmheft in Rom).
Die Eigenart dieser Messe wird besonders im Einsatz des Bandoneons gleich im „Kyrie“ deutlich. Es beginnt mit einer Klage, ähnelnd der dorischen Tonart, der ersten Tonart des christlichen Mittelalters. Festzuhalten ist, dass der Tango durchweg Molltonarten bevorzugt, so wie die Wiener Walzer einst überwiegend in Dur geschrieben wurden. Die Klage des Bandoneons wird zu einer Art Leitmotiv der „Misa Tan­go“. Die Rhythmik des Werks lässt an Strawinsky denken. Bei anderen Passagen ist in der Orchestrierung das Vorbild von Leonard Bernsteins „West Side Story“ und „Candide“ unüberhörbar. Warum aber nicht aus unserem kollektiven musikalischen Gedächtnis zitieren? Komponisten aller Zeiten und Zonen haben Gleiches in ihren Werken getan. Als letztes Wort hören wir „Paz“ (Frieden). Mit der Bitte um Frieden endet auch Bacalovs großartige „Misa Tango“.
Zu Beginn dieser fulminanten Konzertsaison outete OST-Chefdirigent Lü Jia sich im „Wochenblatt“-Interview freimütig als begeisterter Tan­go-Tänzer. Auch seine Freundin lernte er in Peking beim Tango kennen. Die Klassik-Fans auf unserer schönen Insel darf das nun freuen: Tango zum Saisonfinale! ¡Muchas gracias!

Hans Rueda
hans.rueda@wochenblatt.es






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