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Ausgabe: Nr. 216 (19/2014) vom 1. - 21. Oktober 2014
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Alles richtig falsch gemacht

Wer Millionen Gesetzen, Verordnungen und Regeln entfliehen möchte, ist gut beraten der alten Heimat Deutschland den Rücken zu kehren. Um dann zum Beispiel auf den Kanaren unter blauem Himmel in sonniger Wärme zu arbeiten. Man kann dabei aber auch alles richtig falsch machen. So wie wir. Als eingefleischte Europäer, die sowohl in Deutschland, Italien, Polen und nun Spanien ein Zuhause fanden, war es uns wichtig unsere Geschäfte europäisch zu gestalten. Etwas Geld war vorhanden, eine Idee sowieso und an Fleiß mangelte es eh nicht. Das unternehmerische Risiko sollte aber überschaubar sein. Expansion nur, wenn es der Markt erfordert. Die Idee: Feinstes Sterling Silber plus edlem Bernstein und kunstvolle Handarbeit. Alles aus Europa erhältlich. Polen als die größte europäische Silber-Fördernation, Bernsteine von der Ostsee und europäische Künstler, die daraus wertvolle Schmuckstücke erstellen. Unser Markt? Die Touristen-Märkte im Süden Teneriffas. Wir haben weder Kosten noch Mühen gescheut, einige Musterstücke ordentlich verzollt eingeführt und haben damit den Leiter der Teneriffa-Märkte aufgesucht. Nicht in einem Büro. Er bestellte uns auf den Marktplatz in Fañabe. Mittlerer Eingang. Wir fanden ihn. Höflich fragten wir an, ob wir Schmuck dieser Qualität auf den Märkten verkaufen dürften. Schöne Stücke, große Augen bei dem Herrn über Wohl oder Wehe der Marktstandbetreiber. Kein Problem – wir dürfen. Damit war die erste Hürde genommen. Jetzt ordentlich eine Firma anmelden, Verkäufer einstellen, auch den ordentlich anmelden, alles bezahlen und wenige Tage später konnte es losgehen. Glaubten wir. Beim ersten Mal tut’s ja bekanntlich weh. Stimmt. Es hat sehr wehgetan. Mittwochmorgens. Es ist 8 Uhr, eine Stunde vor Marktbeginn. Wir sind pünktlich zur Stelle. Vor uns gerade mal drei andere Marktstandbetreiber. Höflich fragen wir an, wo wir einen Tisch anmieten können. „Jetzt gar nicht! Komm um 9 Uhr wieder.“ Mehr war aus dem zuständigen Herrn des Marktplatzes nicht zu erfahren. Um 9 Uhr sollte der Markt aber schon für das Publikum geöffnet sein und Verkäufer hatten sich eine Stunde vorher einzufinden. Geduldig warteten wir. Immer wieder Blickkontakt zu dem gottesähnlichen Marktstandzuteiler suchend. Und bald wurde uns klar, dass wir keine Chance hatten. Nie eine gehabt hatten. Wir waren zwar höflich, zurückhaltend und respektvoll. Aber das reichte nicht. In der Stunde bis 9 Uhr, die wir aufmerksam und ruhig warteten, konnten wir sehen, wie’s gemacht werden muss. Es hatte uns bei unserer 8 Uhr Anfrage an Demut gefehlt. An Unterwürfigkeit. Wir hatten nur Bitte gesagt. Aber nicht Bitte, bitte gemacht. Wir haben den Marktstandgott nicht aufmunternd auf die Schulter geklopft, haben ihn nicht geduzt, haben ihn nicht in den Arm genommen. Das musste bestraft werden. Er würdigte uns keines Blickes mehr. Je näher die Zeit auf 9 Uhr zuging, desto größer wurde die Traube der Menschen, die ihm mit Ehrfurcht auf Schritt und Tritt folgten. Alle paar Minuten teilte er generös einem weiteren Geschäftsmann einen Tisch zu. Wenn nicht gerade eine Geschäftsfrau Hilfe suchend seine Aufmerksamkeit suchte. Um 9 Uhr fragten wir nochmals höflich an. „Nein! Ausgeschlos-sen. Jetzt sind schon viel zu viele Schmuckstände auf dem Markt.“ Und außerdem wurden uns 2 Alibi-Geschäftsleute vorgestellt, die (in Lastminute Manier) auch noch einen Tisch mieten wollten. Der eine schon 3 Jahre im Geschäft und der andere sage und schreibe 15 Jahre. Und beide gingen leer aus, obwohl man sich so lange kannte. Ja – wir wollten auf die Millionen Regeln aus Deutschland verzichten. Wir dachten in Spanien gilt das Wort eines Mannes. Aber da lagen wir wohl falsch. Oder haben uns einfach von einem männlichen Erscheinungsbild blenden lassen. Denn um 9.15 Uhr durften wir uns trollen. Der Marktstandhalbgott hatte uns nun über eine Stunde büffeln lassen, was es heißt demütig zu sein. Und dann schickte er uns endgültig weg. Obwohl noch ungebrauchte Markttische am Rande des Platzes lagen und auch noch entsprechende Lücken auf dem Platz zu finden waren. Nicht wenigen der Verkäufer, die sehr viel später, als wir an diesem Morgen gekommen sind, hatte man drei oder sogar vier Tische auf einmal zugewiesen. Damit sie ihre Waren ordentlich ausbreiten konnten. Wir gingen leer aus. Auf dem Heimweg kamen wir an Plantagen voller Bananen vorbei. Das Wort Republik schoss uns durch den Kopf. Aber wir verdrängten es gleich wieder. Es ist halt, wie überall: Gibt man Menschen mit Intelligenzdefizit ein bisschen Verantwortung in die Hand, werden sie diese Machtstellung auch ausnutzen. Und womöglich führt der Weg zum Marktstand-Erfolg über den Enddarmausgang eines Möchtegernhalbgottes mit einstelligem IQ. Aber eine Zukunft konnten wir nicht darin erkennen, täglich erstmal Speichel leckend das Ego eines Mannes zu befriedigen, dem man ansehen kann, von wem wir ursprünglich alle abstammen. Hoffen wir für ihn, dass die Subventionen von Europa noch lange auf die Kanaren fließen und wir Europäer noch lange auf diesen Inseln Urlaub machen. Sichert es ihm doch den Job, der seiner Qualifikation entspricht. Denn Bananen müssen ja nicht gebogen werden. Sie werden ja alleine krumm. Unser Verkäufer hatte sowieso 2 Monate Probezeit. Tut uns leid: Gefeuert. Unseren Firmensitz werden wir nach Deutschland verlegen. Weil die Menschen dann mehr Vertrauen haben, wenn sie über ebay oder unseren Internetshop bestellen. Ein schöner Marktplatz dieses Internet. Und ein schönes Gefühl mit intelligenten Menschen Geschäfte zu machen. Wer die Dummen gegen sich hat, verdient Vertrauen. Sagte einst Sartre. Zu viel Dummheit kann einem aber auch Angst machen.

Volker Heiser
Guía de Isora





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